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140918 Die Kinderpsychiatrie wird volljährig

 

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Vor 18 Jahren war Rudolf Werntges der erste Kinderpsychologe im Kreis Mettmann. Heute teilt er sich die kreisweit verteilten Fälle mit insgesamt sechs Kollegen in Mettmann, Velbert und Langenfeld.
Von Stefan Mülders
RATINGEN Unscheinbar liegt die Praxis an der Oberstraße in Ratingen. Eingangsbereich und Flur lassen auf ein Wohnhaus schließen, nur die Schilder an der Fassade weisen auf eine andere Nutzung hin. Mehrere Ärzte haben hier ihre Heimat gefunden, darunter der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Rudolf Werntges.
An eine Arztpraxis erinnert im zweiten Stock des Hauses wenig. Der Geruch von Desinfektionsmitteln „fehlt“ in den hellen Räumen, doch auch die aus alten Hollywood-Streifen bekannte angestaubte braune Couch sucht man vergebens. Stattdessen: Spielsachen und Kuscheltiere, die in Regalen und auf der am Rande erkennbaren Behandlungsliege Platz genommen haben. „Ich lege wert auf eine offene, barrierefreie Gesprächssituation“, erklärt Werntges. 1996 eröffnete er seine Praxis in Ratingen und war damit damals eine Art Exot im Kreis Mettmann. Psychiatrische Themen waren in den Köpfen unbeliebt. „Um sich oder sein Kind psychiatrisch behandeln zu lassen musste eine hohe Schwelle überschritten werden. Außerdem wussten viele Eltern noch nicht, was sie mit Kinder- und Jugendpsychiatrie anfangen sollten.“ Heute sei das vielfach einfacher, die Bandbreite des medizinischen und therapeutischen Feldes sie bekannter geworden. „Die Menschen haben verstanden, dass wir viele Arten von Störungen behandeln und vor allem Beratung bieten.“
Dass Rudolf Werntges in seiner Fachdisziplin kein Alleinstellungsmerkmal im Kreis Mettmann mehr hat, hat sich auf die Fallzahlen nicht dramatisch ausgewirkt. Neben ihm praktizieren noch zwei Kollegen in Mettmann, drei in Velbert und einer in Langenfeld. „Meine Fälle sind aber nicht auf ein Siebtel gesunken“, sagt er. Auch die demografischen Entwicklung mit rund einem Fünftel weniger Unter-16-Jährigen als in den 1990ern sei in dieser Größenordnung nicht zu spüren. „Nicht nur die Eltern, auch alle Institutionen in der Kinder- und Jugendarbeit sind stärker sensibilisiert für psychiatrische Themen.“ Dadurch habe sich auch die Art der Behandlung verändert. „Früher haben wir alles gemacht, heute gibt es viele Spezialbereiche mit Zusatzausbildungen, die zu entsprechenden Kooperationen führen.“
In einer ganzheitlichen Betrachtungsweise die Symptome zu analysieren und dabei auch die Eltern mit einzubeziehen sei heute die Hauptaufgabe in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dafür kooperiert Werntges mit vielen Spezialisten wie Ergotherapeuten, Sozialarbeitern, Lehrkräften, Ärzten und Psychotherapeuten. „Unsere Sicht- und Arbeitsweise richtet sich nach dem sogenannten bio-psycho-sozialen Ansatz.“ Dabei werden die Symptome der Heranwachsenden ganzheitlich betrachtet. Führt das Ungleichgewicht von Botenstoffen im Gehirn – wie zum Beispiel bei ADHS oder Depressionen – zu auffälligen Verhalten, setzt die Therapie beim Arzt an. „Nicht immer muss hier sofort medikamentös eingegriffen werden“, sagt Werntges. „Auf jeden Fall aber werden die auftretenden körperlichen Symptome in Zusammenarbeit mit zum Beispiel Ergotherapeuten behandelt.“ Emotionale Ursachen benötigen eine Psychotherapie und sozialen Probleme wird meist in Form von Familientherapien entgegengewirkt.
Die Krankheitsbilder in der Kinder- und Jugendpsychiatrie haben sich in 18 Jahren verändert. „Damals waren ADHS und Essstörungen die vorherrschenden Themen“, erinnert sich Werntges. „Die spielen heute auch noch eine Rolle, wurden aber zumindest in meiner Praxis durch andere Erkrankungen abgelöst.“ Heutzutage treten Schulabsentismus, selbstverletztendes Verhalten und Reifungsstörungen – zum Bespiel Orientierungslosigkeit in der Berufswahl – stärker in Erscheinung. In allen Fällen ist Werntges die begleitende Beratung der Eltern wichtig: „Ein Kind zu therapieren, ohne mit den Eltern über Ursachen im Alltag zuhause zu sprechen, ist kontraproduktiv. Wir helfen dann dem Kind, aber nach zwei Jahren tritt die gleiche Problematik wieder auf.“ Bei trennungsbedingten Problemen sei es sogar unabdingbar, eine Familientherapie anzusetzen.

DIE PRAXIS
Feier mit den Kooperationspartnern
Mit zwei Mitarbeitern hat Rudolf Werntges 1996 begonnen. Heute umfasst das Team acht Fachkräfte und zwei Sekretärinnen.
Praxisübergreifende Therapien werden in Kooperation mit zahlreichen Spezialisten gewährleistet. Wichtiger Baustein ist dabei auch der Arbeitskreis der Kinder- und Jugendpsychiatrie Rhein-Ruhr-Wupper. Hier treffen sich seit 20 Jahren regelmäßig 15 Ärztekollegen, die sich über schwierige Fälle und Neuerungen aus der Forschung austauschen.
Gefeiert wird die „Volljährigkeit der Praxis“ am morgigen Freitag mit geladenen Gästen, vor allem den Kooperationspartnern.



Autor: Muelders -- 03.11.2018; 11:34:46 Uhr

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