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130826 Münte mischt sich unters Volk

 

Von Stefan Mülders
RATINGEN Wenn Politik-Prominenz in der Provinz aufschlägt, dann ist ein pünktlicher Beginn der dazugehörigen Veranstaltung nicht unbedingt immer garantiert. Nicht so am Samstagmittag: Franz Müntefering war nicht erst zum Politik-Talk „Griese trifft…“ angereist, sondern hatte sich bereits eineinhalb Stunden vorher in Ratingen eingefunden, um sich gewohnt volksnah unter die Marktbesucher zu mischen, 250 Rosen zu verteilen und Gespräche mit den Bürgern zu führen. Und obwohl schon hier viele Themen angesprochen wurden, waren im Saal des Frankenheim Bürgerhauses anschließend nur noch Stehplätze zu haben. Das Interesse war insbesondere bei den älteren „Semestern“ groß.
Hätte Kerstin Griese nach der Bundestagswahl zu diesem Gesprächsnachmittag geladen, wäre der Fokus wohl stärker auf die Person und das politische Leben des 73-jährigen Müntefering ausgerichtet gewesen, der nicht mehr für den Bundestag kandidiert. So kamen nur zu Beginn ein paar kleine Anekdoten zur Sprache, als Zeitzeuge erinnerte er sich an den 9. November 1989 als bewegendsten Moment seiner politischen Karriere und die Wahlniederlagen 1982 und 2005 als größte Ärgernisse. „1982 habe ich nach der Niederlage von Helmut Schmidt gegen Helmut Kohl kurz darüber nachgedacht, mit der Politik aufzuhören.“ Die Jahre danach prägten bei ihm den berühmt gewordenen Ausdruck „Opposition ist Mist“. „Du kannst viele Ideen entwickeln, letztlich landen sie alle im Papierkorb“. Nach den kurzen Erinnerungen ging es um klare wahlkämpferische Inhalte. Aber das sollte auch so sein, wie gegen Ende der Veranstaltung klar wurde. Kritisiert wurde da nämlich, von Kerstin Griese unterstützt, dass heute oftmals die handelnden Personen und weniger die Themen im Mittelpunkt stünden. Nicht so an diesem Nachmittag, an dem Müntefering leidenschaftlich an Beispielen das Wahlprogramm der SPD näher brachte. Was sich unter Gleichgesinnten durchaus recht einfach gestalten ließ. Der ehemalige Vizekanzler sieht den demografischen Wandel als eine der größten Herausforderungen für die Zukunft und er verstand es, dieses zentrale Thema mit vielen anderen Gesichtspunkten zu verknüpfen. Er appellierte an die Älteren in der Gesellschaft. „Solange wir klar im Kopf sind, sind wir für das gesellschaftliche Leben mit verantwortlich. Wir müssen selbst die Ärmel hochkrämpeln. Er forderte ehrenamtliches Engagement in Vereinen und Organisationen ein, in denen die zeitlichen Kapazitäten jüngerer Aktiver oftmals überstrapaziert sind. Müntefering äußerte sich auch zum Mindestlohn, zu ungenutzten Potenzialen bei jährlich 60 000 Schulabgängern ohne Bildungsabschluss und den Berufsperspektiven junger Frauen in einer veränderten Gesellschaft. Raum für dann auch noch für lokale Themen wie der exorbitanten Grundmietenerhöhung in West oder mangelnder Unterstützung von Existenzgründern.
Wer Franz Müntefering im Talk erlebte, der kann sich sein politisches Rentnerdasein noch nicht so richtig vorstellen. Entsprechende Ämter lehnt das SPD-Urgestein für die Zukunft ab, aber „Politik ist mehr als parlamentarische Tätigkeit“. Müntefering wird sich als aktiver Senior ehrenamtlichen Tätigkeiten widmen, unter anderem seit kurzem als Präsident des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB). Außerdem will sich der Parlaments-Rentner in Zukunft sportlichen Aktivitäten widmen, was zu seinem Botschafter-Dasein für das LSB-Programm „Bewegt älter werden in NRW“ passt. Aktuell legt er - erstmals in seinem Leben – das Deutsche Sportabzeichen ab. Dazu fehlt ihm nur noch die Ausdauerdisziplin; dass er die hat, konnte er auf der politischen Bühne hinlänglich unter Beweis stellen.



Autor: Muelders -- 02.11.2018; 19:10:39 Uhr

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