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121010 Gefühle werden nicht dement

 

RP-SERIE GEGEN DAS VERGESSEN Der einzig mögliche Zugang zu Menschen mit fortgeschrittener Demenz führt über Emotionen. Die Mitarbeiter im Haus Bethesda wissen das. In fünf Wohngemeinschaften betreuen sie 52 Bewohner.

Von Stefan Mülders
LINTORF Gertrud A. (alle Namen geändert) putzt ihre Brille mit der Frühstücks-Salami, Sigrid B. „wischt“ mit ihrem Schuh den Tisch ab und aus irgendeiner Ecke heraus schmettert jemand alte deutsche Weisen. Josef C. dreht derweil rastlos seine Runden durch Ess- und Wohnzimmer und Adele D. streicht permanent nicht vorhandene Falten aus der Tischdecke. Es wirkt komisch, ist aber alles andere als Comedy, was im Haus Bethesda passiert. Das Backsteinhaus direkt neben dem Fliedner-Krankenhaus in Ratingen-Lintorf ist eine ganz spezielle stationäre Einrichtung für Senioren mit demenziellen Erkrankungen.
Die Bewohner untereinander stört das Verhalten der anderen nicht. „Leben gewähren lassen“ ist ein wichtiger Grundsatz in der Betreuung dementer Menschen. „Was für uns völlig unsinnig erscheint, ist in der Welt des Erkrankten richtig“, erklärt Susanne Schmalenberg, Leiterin des sozialen Dienstes. „Da wird eben der Schuh zum Putzlappen oder die Salami zum Brillenputztuch.“ Völlig falsch wäre es, an dieser Stelle korrigierend einzugreifen. Betroffene würden dadurch zunehmend unsicher und verängstigt. Zumal sie im fortgeschrittenen Stadium verbal nicht mehr erreicht werden können. Dann werden emotionale Momente immer wichtiger. „Gefühle werden nicht dement“, sagt Schmalenberg. Daher sei das Wichtigste, eine Beziehung aufzubauen, Vertrauen zu fördern. Darum müssen möglichst viele Details aus dem Leben der Betroffenen bekannt sein, was eine umfassende und einfühlsame Aufklärung der Angehörigen notwendig macht. „Unsere Fragen werden oft als Neugier missverstanden, sind aber für den erfolgreichen Umgang miteinander in der Betreuung wichtig“, sagt Gisela Neldner, stellvertretende Heimleitung im Haus Bethesda. Zu wissen, welche Menschen in der Vergangenheit wichtig waren, was die Betroffenen früher gerne gemacht haben, was sie gut konnten; all das hilft, positive Stimmung und Wohlgefühl zu erzeugen.
Die Wohngruppen zeigen, dass ein dementes Leben fernab von Vergesslichkeit und Hilflosigkeit möglich ist. Helle und freundliche Räume und Einrichtungen lassen erahnen, dass nicht nur Senioren sich hier wohlfühlen können. In der Gestaltung ihrer Räume sind die Bewohner frei. „Das Bild hier habe ich selbst gemalt. Und das auch. Die hier habe ich gekauft“, erzählt eine Bewohnerin. Eine andere zeigt stolz ihr Zimmer und erklärt: „Am Anfang hatte ich ein bisschen Angst, hier einzuziehen. Aber jetzt fühle ich mich sehr wohl hier.“ Und dann schiebt sie schnell hinterher: „Ich lüge nicht!“ So, als wolle sie betonen, dass hier niemand vorschreibt, was zu sagen ist, wenn Gäste zu Besuch sind.
Die Bewohner werden fast alle ihren Lebensabend in den Gemeinschaften verbringen. Nur sehr selten ist es notwendig, sie anders unterzubringen. Es wird mit Hausärzten und der Speziellen Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) zusammen gearbeitet. „Wichtig ist, die Würde des Menschen bis zum Schluss zu bewahren. Das ist der Kern unserer Arbeit hier“, sagt Susanne Schmalenberg. Derweil tauscht sie vorsichtig den Schuh von Sigrid B. für sie unmerklich durch ein Tuch aus.

Stationär oder ambulant
Das Haus Bethesda ist als stationäre Einrichtung in dieser Art einmalig im Kreis Mettmann. Es unterliegt anderen rechtlichen Vorgaben als ambulante Projekte, bei denen in der Regel mehrere Menschen ein bestimmtes Objekt mieten, dort in Gemeinschaft leben und Hilfe von außen, zum Beispiel durch einen ambulante Pflegedienst, hinzukaufen. Stationäre Einrichtungen bedürfen auch nachts mindestens einer examinierten Pflegekraft, in ambulanten Strukturen ist das offener gehalten.

Die Einrichtung „Haus Bethesda“
LINTORF (stemu) Das Haus Bethesda hat schon eine über 150-jährige Tradition, die Funktion als Demenz-Einrichtung erfüllt es seit fünfeinhalb Jahren. Als es vor rund sieben Jahren darum ging, eine neue Bestimmung für das zum Fliedner-Krankenhaus gehörende Gebäude zu finden, kam man recht schnell auf das Thema Demenz. „Wir haben uns einige ambulante und stationäre Wohngemeinschaften in Deutschland angesehen“, erinnert sich Heimleiter Uwe Wolfs. „Wir wollten alles aus einer Hand bieten, haben uns für eine stationäre Variante entschieden.“ Zunächst wurde der moderne Pavillon-Neubau hinter dem alten Backsteinhaus fertig und im März 2007 mit zwei Gruppen in Betrieb genommen. Im August des Jahres war die Sanierung des alten Gebäudes abgeschlossen und es konnte mit drei Gruppen in Betrieb gehen. Inzwischen werden 52 demente Menschen in den fünf Wohngruppen beherbergt. In den Konzepten wurde die Verbindung aus Gemeinschafts- und Rückzugsräumen berücksichtigt. Zentrale Aufenthaltsräume sind die Wohn- und Essbereiche mit offener Küche, von denen aus die Zimmer direkt erreichbar sind. Die offene Bauweise ermöglicht eine Art Rundgang, der dem Bewegungsdrang vieler Bewohner gerecht wird. Das Mittagessen wird von einem Caterer geliefert. „Ursprünglich gehörte das eigene Kochen auch zum Konzept, aber wir haben schnell festgestellt, dass das bis auf gelegentliche Ausnahmen nicht leistbar ist.“ So bereiten sich die Bewohner „nur“ Frühstück und Abendessen gemeinsam vor.
Das Haus Bethesda ist wie das direkt nebenan liegende Fliedner-Krankenhaus eine Einrichtung der Theodor-Fliedner-Stiftung. Die Stiftung ist deutschlandweit Träger für rund 30 Einrichtungen der Behinderten- und Altenhilfe sowie psychiatrische Kliniken. Außerdem betreibt sie Programme zur Aus- und Weiterbildung von Fachkräften.



Autor: Muelders -- 09.12.2012; 21:28:53 Uhr

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Anno 1995: Ein junges Landei macht sich nach erfolgreichem Abitur und engagiertem Zivildienst im örtlichen Krankenhaus auf den Weg in die urbane Welt. Ziel ist der Studienbeginn an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Noch während der ersten Semester ... mehr

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